Wer bringt der neuen Kollegin eigentlich die Fachsprache bei?
Eine Pflegefachkraft aus Indien kommt mit B2-Nachweis auf die Station. Sie hat in Indien rund zwölf Monate Vorbereitung hinter sich: Deutsch, Pflegeterminologie, Orientierung im deutschen Gesundheitssystem.
Auf dem Papier ist sie vorbereitet.
Dann beginnt die erste Übergabe.
Plötzlich fallen Kürzel, Hausbegriffe, Gerätenamen, regionale Formulierungen und Sätze, die in keinem Sprachkurs vorkommen. Dazu das Tempo einer Schicht, in der für lange Erklärungen kaum Zeit bleibt.
Jemand muss diese Sprache erklären.
Und genau dieser Jemand steht häufig in keinem Dienstplan.
B2 ist wichtig. Aber B2 ist nicht die Sprache eines Hauses.
Ein B2-Nachweis zeigt, dass jemand Deutsch auf einem definierten Niveau beherrscht.
Er zeigt nicht, dass eine neue Kollegin sofort jede Übergabe in einer bestimmten Pflegeeinrichtung versteht.
Denn ein großer Teil der Sprache im Pflegealltag ist lokal.
Welche Abkürzungen werden im Dokumentationssystem benutzt?
Wie nennt das Team bestimmte Geräte?
Welche Begriffe haben sich über Jahre eingebürgert?
Wie werden bestimmte Situationen in der Übergabe beschrieben?
Das lässt sich in Indien nur begrenzt vorbereiten, weil jedes Haus seine eigene Sprache entwickelt.
Ein Teil der sprachlichen Einarbeitung kann deshalb erst dort stattfinden, wo diese Sprache tatsächlich gesprochen wird.
Die Stunden, die im Dienstplan nicht auftauchen
Wer übernimmt diese Aufgabe?
Oft ist es die Kollegin, die zufällig in derselben Schicht arbeitet.
Sie erklärt eine Abkürzung.
Sie zeigt noch einmal die Dokumentation.
Sie beschreibt einen internen Ablauf.
Sie beantwortet die dritte Rückfrage.
Und gleichzeitig wartet ihre eigene Arbeit.
Wir haben für diesen Beitrag gezielt nach einer belastbaren Zahl gesucht: Wie viele Stunden investiert eine Stammbelegschaft tatsächlich in die Einarbeitung internationaler Pflegefachkräfte?
Eine belastbare Erhebung dazu haben wir nicht gefunden.
Das ist bemerkenswert.
Denn was nicht gemessen wird, taucht häufig auch in keiner Personalplanung auf.
Die Arbeit verschwindet deshalb aber nicht. Sie wird nur unsichtbar.
Was wir dagegen messen können
Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe veröffentlichte im Mai 2025 Ergebnisse seiner Befragung „Pflege, wie geht es dir?“.
Mehr als 3.000 Pflegefachpersonen nahmen teil.
Unter den Teilnehmenden mit internationalem Hintergrund berichteten:
82 Prozent, dass sie sich im Berufsalltag nicht ernst genommen fühlen.
79 Prozent, dass ihre Fachkompetenz angezweifelt wird.
77 Prozent, dass sie in Deutschland weniger Befugnisse haben als in ihrem Herkunftsland.
39 Prozent, dass sie Kolleginnen und Kollegen die Arbeit in Deutschland nicht empfehlen würden.
Eine wichtige Einschränkung gehört dazu: Die Größe der internationalen Teilgruppe wurde in der Veröffentlichung nicht ausgewiesen. Die Zahlen zeigen deshalb eine Tendenz, keine repräsentative Quote für alle internationalen Pflegefachkräfte.
Zwei Perspektiven auf dasselbe Problem
Warum hängt das mit Einarbeitung zusammen?
Eine internationale Pflegefachkraft muss häufiger nachfragen.
Nicht unbedingt, weil ihr Fachwissen fehlt.
Sondern weil sie die lokale Sprache des Hauses noch nicht kennt.
Für die Kollegin auf der Station bedeutet jede zusätzliche Erklärung gleichzeitig mehr Arbeit.
So können zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungen entstehen.
Die neue Kollegin denkt:
„Meine Kompetenz wird nicht gesehen.“
Die erfahrene Kollegin denkt:
„Ich muss neben meiner eigenen Arbeit ständig erklären.“
Beide Wahrnehmungen können gleichzeitig richtig sein.
Das eigentliche Problem liegt dann nicht bei einer der beiden Personen.
Es liegt darin, dass eine notwendige Aufgabe keinen festen Platz bekommen hat.
Unsichtbare Arbeit landet meistens bei denselben Menschen
Wenn niemand offiziell zuständig ist, übernehmen oft die Hilfsbereiten.
Die Kollegin, die eine fragende Person nicht stehen lässt.
Die Kollegin, die noch einmal etwas zeigt.
Die Kollegin, die nach der Übergabe fünf Minuten länger bleibt.
Und meistens ist es immer wieder dieselbe Person.
Das kann auf Dauer zu Frust führen.
Irgendwann werden Fragen kürzer beantwortet.
Oder gar nicht mehr.
Und dann entsteht schnell der Eindruck, die neue Kollegin sei das Problem.
Dabei ist häufig etwas anderes passiert:
Eine Aufgabe ohne Zuständigkeit ist dauerhaft bei einzelnen Teammitgliedern gelandet.
Eine benannte Praxisanleitung nimmt diese Arbeit nicht weg.
Aber sie macht sie sichtbar und legitim.
Dann ist Einarbeitung keine Gefälligkeit mehr, sondern Teil der Aufgabe.
Wie andere Einrichtungen damit umgehen
Es gibt bereits Ansätze, die sprachliche und kulturelle Einarbeitung bewusst organisieren.
Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege richtet ihr Schulungsprogramm für interkulturelle Teams nicht nur an internationale Fachkräfte.
Auch Stammbelegschaft, Führungskräfte und Multiplikatoren werden einbezogen.
Der Gedanke dahinter ist wichtig:
Nicht nur die neue Kollegin muss vorbereitet sein. Auch das Team, das sie aufnimmt, muss vorbereitet sein.
Einen anderen Ansatz verfolgt das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.
Dort begleitet eine Sprachlehrkraft internationale Pflegefachkräfte direkt auf der Station. Der Schwerpunkt liegt auf Fachsprache dort, wo sie tatsächlich gebraucht wird.
Nicht nach Feierabend.
Nicht im abstrakten Kursraum.
Sondern mitten im Arbeitsalltag.
Ob solche Modelle messbar erfolgreicher sind als andere Formen der Sprachförderung, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht ableiten.
Aber ein Prinzip ist klar:
Sprachliche und fachliche Einarbeitung braucht eine zuständige Person und eine feste Zeit.
Was in den ersten Wochen tatsächlich anfällt
Fachsprache, Kürzel und Übergabesprache
Häufige Realität: Kolleginnen erklären nebenher.
Besser planbar: feste Zeit für Fachsprache.
Dokumentation im Hausstandard
Häufige Realität: wechselnde Personen zeigen unterschiedliche Wege.
Besser planbar: benannte Praxisanleitung.
Hausroutinen, Geräte und Zuständigkeiten
Häufige Realität: Jeder erklärt etwas anderes.
Besser planbar: feste Ansprechperson.
Fragen zu Behörden, Wohnung und Alltag
Häufige Realität: Sie landen bei der Leitung oder im Team.
Besser planbar: möglichst vor der Einreise klären.
Umgang des Teams mit der neuen Situation
Häufige Realität: Er wird vorausgesetzt.
Besser planbar: das Team vorher einbeziehen.
Gute Vorbereitung beginnt in Indien und endet nicht dort
Ein Punkt ist uns besonders wichtig.
Die Verantwortung lässt sich nicht einfach von einer Seite auf die andere verschieben.
Eine Einrichtung kann nicht jede Vorbereitung übernehmen.
Wer ohne ausreichende Deutschkenntnisse und ohne Orientierung über den deutschen Pflegealltag einreist, startet mit unnötigen Schwierigkeiten.
Deshalb ist die Vorbereitung vor der Einreise so wichtig.
Umgekehrt kann aber auch die beste Vorbereitung in Indien nicht vermitteln, wie ein bestimmtes Haus seine Übergaben strukturiert oder welche internen Begriffe dort verwendet werden.
Beides gehört zusammen.
Vorbereitung vor der Einreise und Einarbeitung nach der Ankunft.
Das eine ersetzt das andere nicht.
Vier Fragen vor dem ersten Arbeitstag
Wer ist namentlich für die Einarbeitung zuständig?
Und stehen dafür tatsächlich Stunden im Dienstplan?
Wurde das aufnehmende Team vorher einbezogen?
Oder erfährt die Frühschicht erst am ersten Tag, dass eine neue Kollegin kommt?
Gibt es feste Zeit für Fachsprache und Dokumentation?
Oder soll beides neben der normalen Tour erklärt werden?
Wer kümmert sich um Fragen außerhalb der Station?
Wohnung, Behörden und Alltag sollten möglichst nicht während der Übergabe gelöst werden müssen.
Fazit
Bei internationalen Pflegefachkräften wird häufig gefragt:
Wie gut ist die Person vorbereitet?
Das ist wichtig.
Aber es ist nur die halbe Frage.
Die andere lautet:
Wie gut ist das Haus vorbereitet, das sie aufnimmt?
Eine Pflegefachkraft kann Deutsch lernen, Fachbegriffe trainieren und sich intensiv auf Deutschland vorbereiten.
Die Sprache eines konkreten Hauses lernt sie erst dort.
Wenn für diese Phase niemand zuständig ist, landet die Arbeit automatisch beim Team.
Wenn sie dagegen geplant wird, wird aus zusätzlicher Belastung eine normale Einarbeitungsaufgabe.
Und genau darin liegt ein entscheidender Unterschied.
Nicht jede Schwierigkeit in den ersten Wochen ist ein Sprachproblem.
Manchmal fehlt schlicht ein Name im Dienstplan.
Hinweis zum Titelbild:
Das Titelbild dieses Beitrags wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.
Das Projekt der people2help gGmbH wird aus Mitteln der Europäischen Union im Rahmen des Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) gefördert.
Holger Lange
Geschäftsführer
people2help gGmbH

















