Wer über internationale Pflegekräfte spricht, spricht häufig über Sprache, Anerkennungsverfahren oder Fachkräftemangel. Ein Thema wird dabei oft übersehen: Die Pflege älterer Menschen findet in Deutschland und Indien unter völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen statt.
Das ist keine Frage von besser oder schlechter. Es ist eine Frage des Systems.
Wer versteht, wo ältere Menschen in beiden Ländern tatsächlich gepflegt werden, versteht auch besser, warum internationale Pflegekräfte nach ihrer Ankunft in Deutschland häufig zunächst einen neuen Blick auf den Pflegealltag entwickeln müssen.
Pflege zu Hause ist auch in Deutschland der Regelfall
Viele Menschen verbinden Deutschland automatisch mit Pflegeheimen. Die Zahlen zeigen jedoch ein anderes Bild.
Nach der aktuellen Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes waren Ende 2023 rund 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon wurden 4,89 Millionen Menschen, also 86 Prozent, zu Hause versorgt.
Davon wiederum
rund 3,1 Millionen ausschließlich durch Angehörige,
rund 1,1 Millionen mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes,
rund 640.000 Menschen mit Pflegegrad 1 ohne Leistungen der Pflegeversicherung,
rund 40.000 ausschließlich mit dem Entlastungsbetrag.
Lediglich rund 800.000 Menschen, also etwa 14 Prozent, lebten dauerhaft in einer stationären Pflegeeinrichtung.
Das überrascht viele.
Denn in der öffentlichen Diskussion stehen Pflegeheime häufig im Mittelpunkt. Tatsächlich findet Pflege in Deutschland überwiegend im häuslichen Umfeld statt.
Auch in Indien werden ältere Menschen überwiegend in der Familie versorgt
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Indien.
Die große Langzeitstudie Longitudinal Ageing Study in India (LASI) untersuchte das Leben älterer Menschen im ganzen Land. Eine Auswertung der Daten zeigt, dass rund sieben von zehn Menschen über 60 Jahren gemeinsam mit ihren Kindern leben.
Die häufigsten Wohnformen sind:
Wohnform | Anteil |
Mit Ehepartner und Kindern | 43,5 % |
Mit Kindern und weiteren Angehörigen | 26,7 % |
Mit Ehepartner oder anderen Angehörigen | 19,5 % |
Allein lebend | 5,1 % |
Nur mit anderen Personen | 5,1 %
|
Diese Zahlen zeigen vor allem eines:
Auch in Indien ist die Familie der wichtigste Ort, an dem ältere Menschen leben und versorgt werden.
Der Unterschied zu Deutschland liegt deshalb nicht darin, ob Familien Pflege übernehmen. Sondern darin, welche Rolle professionelle Pflege daneben spielt.
Pflegeheime spielen in Indien eine deutlich kleinere Rolle
Während stationäre Einrichtungen in Deutschland ein fester Bestandteil des Versorgungssystems sind, existiert in Indien nur eine vergleichsweise geringe Zahl solcher Einrichtungen.
Eine Untersuchung von Tata Trusts, Samarth und UNFPA kommt auf rund 1.150 Altenheime im gesamten Land mit einer Kapazität von etwa 97.000 Bewohnerinnen und Bewohnern.
Zum Vergleich:
Indien hat weit über 100 Millionen Menschen, die älter als 60 Jahre sind.
Schon diese beiden Zahlen machen deutlich, dass stationäre Altenpflege dort nur einen sehr kleinen Teil der Versorgung ausmacht.
Daraus sollte jedoch kein kultureller Kurzschluss gezogen werden.
Die Daten zeigen lediglich die Struktur des Versorgungssystems. Sie erlauben keine Aussage darüber, warum Familien sich für bestimmte Versorgungsformen entscheiden oder welche kulturellen Werte dahinterstehen.
Was das für internationale Pflegekräfte bedeutet
Genau hier entsteht häufig eine Herausforderung beim Start in Deutschland.
Viele internationale Pflegekräfte verfügen über umfangreiche klinische Erfahrung.
Sie kennen Akutstationen.
Sie kennen chirurgische Versorgung.
Sie kennen Intensivmedizin.
Der Alltag in einer deutschen stationären Altenpflegeeinrichtung unterscheidet sich davon jedoch häufig deutlich.
Hier geht es nicht nur um medizinische Versorgung.
Es geht um Langzeitbegleitung.
Es geht um Biografiearbeit.
Es geht um Aktivierung.
Es geht um Angehörigenarbeit.
Es geht darum, Menschen oft über viele Monate oder Jahre zu begleiten.
Diese Form der Versorgung ist im deutschen Pflegesystem fest verankert und prägt den Berufsalltag wesentlich stärker als in vielen anderen Ländern.
Das ist kein Qualifikationsproblem
An dieser Stelle entsteht manchmal ein falscher Eindruck.
Wenn internationale Pflegekräfte sich zunächst an den deutschen Pflegealltag gewöhnen müssen, bedeutet das nicht, dass ihnen Fachwissen fehlt.
Es bedeutet vielmehr, dass sie in einem anderen Versorgungssystem gearbeitet haben.
Auch die indische Pflegeausbildung behandelt geriatrische Inhalte.
Allerdings sind sie im Curriculum in den Bereich Medical Surgical Nursing integriert. Ein eigenständiges Pflichtfach für Gerontologische Pflege mit eigenem Stundenumfang gibt es im Bachelorstudium nicht.
In Deutschland ist die Situation anders.
Seit Einführung der generalistischen Pflegeausbildung gehört die Langzeitpflege verbindlich zum Ausbildungssystem.
Beide Systeme setzen unterschiedliche Schwerpunkte.
Das erklärt viele Unterschiede im Berufsalltag deutlich besser als einfache Vergleiche zwischen den Ausbildungsgängen.
Orientierung beginnt lange vor der Einreise
Deshalb reicht es nicht aus, Sprache allein vorzubereiten.
Ebenso wichtig ist die Orientierung auf das deutsche Versorgungssystem.
Dazu gehört beispielsweise das Verständnis,
wie stationäre Altenpflege in Deutschland organisiert ist,
welche Rolle Angehörige spielen,
wie Pflegedokumentation aufgebaut ist,
welche Verantwortung Pflegefachkräfte übernehmen,
wie der Alltag in einer Langzeitpflegeeinrichtung aussieht.
Wer diese Zusammenhänge bereits vor der Einreise kennenlernt, kann den späteren Berufsalltag deutlich besser einordnen.
Es geht nicht darum, vorhandenes Wissen zu ersetzen.
Es geht darum, vorhandene Erfahrung in einen neuen Kontext zu übertragen.
Was Einrichtungen daraus mitnehmen können
Auch für Pflegeeinrichtungen lohnt sich dieser Blick.
Internationale Pflegekräfte bringen häufig wertvolle Erfahrungen aus Krankenhäusern und anderen Versorgungsbereichen mit.
Diese Erfahrungen sind eine Stärke.
Gleichzeitig braucht es Zeit und Begleitung, um die Besonderheiten der deutschen Langzeitpflege kennenzulernen.
Wer diesen Übergang aktiv unterstützt, schafft bessere Voraussetzungen für einen gelungenen Einstieg.
Nicht weil internationale Pflegekräfte weniger können.
Sondern weil jedes Gesundheitssystem eigene Abläufe, Erwartungen und Schwerpunkte entwickelt hat.
Fazit
Deutschland und Indien unterscheiden sich weniger durch die Kompetenz ihrer Pflegekräfte als durch die Art, wie Pflege organisiert wird.
In beiden Ländern werden ältere Menschen überwiegend zu Hause versorgt.
Der Unterschied liegt darin, welche Rolle professionelle Langzeitpflege daneben übernimmt.
Deshalb beginnt gute Vorbereitung nicht erst beim ersten Arbeitstag.
Sie beginnt damit, das Versorgungssystem zu verstehen, in dem man künftig arbeiten wird.
Denn wer den Kontext kennt, kann vorhandene Erfahrung viel leichter in den neuen Berufsalltag übertragen.
Titelbild: KI-generiert.
Holger Lange
Geschäftsführer
people2help gGmbH


















