Viele internationale Pflegekräfte fragen mich (und auch uns bei people2help):
„Wie läuft ein Arbeitstag in Deutschland wirklich ab?“
Wie stressig ist es? Wie viele Patient*innen betreut man? Und was macht man konkret von morgens bis mittags?
Ich bin Gregor. Ich arbeitete u.a. als Krankenpfleger in Deutschland auf einer chirurgischen Station. Momentan bin ich Integrationslotse bei people2help und unterstütze internationale Pflegekräfte dabei, in Deutschland gut anzukommen – im Beruf und im Alltag.
Heute nehme ich dich mit in meinen Frühdienst.
So, wie er wirklich abläuft.
1. 05:45 Uhr – Ich komme an, bevor es offiziell losgeht
Offizieller Arbeitsbeginn ist bei mir um 6:00 Uhr.
Aber ich bin meistens schon 10 bis 15 Minuten früher da. Nicht, weil ich „kostenlos“ arbeiten möchte – sondern weil ich mich in Ruhe umziehen und kurz ankommen will.
Das hilft mir, den Dienst nicht direkt im Stress zu starten.
Um 6:00 Uhr beginnt dann offiziell die Frühschicht.
Ich gehe ins Dienstzimmer. Einige Kolleginnen und Kollegen sind oft schon da. Wir begrüßen uns, setzen uns hin, nehmen uns den Übergabezettel und einen Stift.
Dann warten wir kurz, bis das Team vollständig ist.
2. Übergabe: Was ist in der Nacht passiert?
Sobald alle da sind, beginnt die Übergabe vom Nachtdienst.
Der Nachtdienst erzählt uns:
-
welche Patient*innen neu aufgenommen wurden
-
welche Vorerkrankungen wichtig sind
-
wie die Nacht verlaufen ist
-
worauf wir besonders achten müssen
Auf einer chirurgischen Station sprechen wir außerdem darüber:
-
welche OPs geplant sind
-
welcher postoperative Tag es ist
-
ob es Drainagen, Wundprobleme oder Komplikationen gibt
Die Übergabe ist extrem wichtig.
Hier entscheidet sich, ob man gut informiert in den Tag startet.
Wenn alles besprochen ist, geht der Nachtdienst nach Hause.
Und wir übernehmen.
3. Bereichspflege: Ich habe meinen eigenen Bereich
Auf unserer Station arbeiten wir mit Bereichspflege.
Das heißt:
-
ich übernehme ungefähr 10 Patient*innen
-
mein Kollege übernimmt ungefähr 10 Patient*innen
-
der dritte Kollege übernimmt auch ungefähr 10 Patient*innen
Insgesamt haben wir also meist etwa 30 Patient*innen, aufgeteilt auf drei Pflegekräfte.
Wenn jemand krank ist, müssen wir uns aufteilen. Dann hat jeder schnell 15 Patient*innen. Das kommt leider vor.
4. Der Silberwagen: Ich bereite Medikamente und Material vor
Nach der Übergabe gehe ich in den Medikamentenraum.
Dort bereite ich meinen sogenannten Silberwagen vor. Das ist ein schiebbarer Metallwagen, auf dem ich alles sammle, was ich für meinen Bereich brauche:
-
meine Unterlagen und Notizen
-
Materialien für Verbände
-
die vom Nachtdienst gestellten Tabletten
-
Infusionen
-
Antibiotika
Es gibt klare Listen, welcher Patient welche Medikamente bekommt.
Das muss exakt stimmen.

5. Erste Runde: Vitalzeichenkontrolle und erster Eindruck
Dann starte ich mit meiner ersten Runde.
Ich gehe von Zimmer zu Zimmer und messe bei den Patient*innen:
-
Blutdruck
-
Puls
-
Temperatur
Ich frage außerdem:
-
wie es ihnen geht
-
ob sie Schmerzen haben
-
ob es Übelkeit gibt
-
ob sie gut geschlafen haben
Und ich werfe dabei schon einen ersten Blick auf:
-
Verbände
-
Wunden
-
Hautzustand
Gerade in der Chirurgie ist das wichtig, weil sich Zustände schnell verändern können.
6. Morgenpflege: Wer braucht Hilfe – und wer nicht?
Nach der Vitalzeichenkontrolle beginnt bei vielen Patient*innen die Morgenroutine.
Einige sind jung oder mobil und machen alles alleine:
-
waschen
-
Zähne putzen
-
anziehen
Andere brauchen Unterstützung.
Dann helfe ich zum Beispiel:
-
beim Waschen am Waschbecken
-
beim Transfer in den Rollstuhl oder Toilettenstuhl
-
beim Bereitstellen von Kleidung
-
beim Waschen im Intimbereich, wenn es nötig ist
Dabei arbeite ich immer ressourcenorientiert: so viel Hilfe wie nötig, so viel Selbstständigkeit wie möglich.
7. Prioritäten: Ich muss morgens richtig planen
Viele denken, man arbeitet einfach „Patient 1 bis Patient 10“ ab.
So läuft es nicht.
Ich priorisiere.
Denn manche Patient*innen haben früh Termine oder Untersuchungen. Andere müssen nüchtern bleiben, weil sie eine OP haben.
Meine Reihenfolge sieht häufig so aus:
-
Patient*innen mit frühen Terminen
-
Patient*innen, die sich selbst versorgen können (damit sie frühstücken können)
-
Patient*innen, die Unterstützung brauchen (zwischendurch)
-
sehr pflegeintensive Patient*innen zuletzt
-
Isolationspatient*innen separat (Infektionsschutz)
Die Patient*innen, bei denen ich sehr viel Zeit brauche, mache ich oft zuletzt – außer sie haben dringende Termine.
8. Gegen 09:00 Uhr: Der erste große Ansturm ist vorbei
Wenn die Morgenrunde abgeschlossen ist, ist es meistens ungefähr 09:00 Uhr.
Dann ist der erste große Block geschafft.
Und oft startet direkt danach die nächste wichtige Phase:
9. Ärztliche Visite: Ich begleite sie mit
Auf meiner Station beginnt um diese Zeit häufig die ärztliche Visite.
Ich begleite die Visite.
Der Arzt oder die Ärztin fragt:
-
Wie sieht der Verband aus?
-
Wie ist der Allgemeinzustand?
-
Gibt es Schmerzen?
-
Wie sind die Vitalzeichen?
Und weil ich vorher alle Patient*innen gesehen habe, kann ich sehr gezielt Informationen geben:
-
wo es Probleme gibt
-
wer besondere Aufmerksamkeit braucht
-
wo der Verband auffällig war
Das ist ein wichtiger Teil der Pflege in Deutschland:
Beobachten, einschätzen und kommunizieren.
10. Pause: 30 Minuten – und nie alle gleichzeitig
Nach der Visite ist es oft 10:00 oder 10:30 Uhr.
Dann mache ich meine Frühstückspause.
In Deutschland haben wir meistens 30 Minuten Pause.
Ich gehe oft mit Kolleg*innen in die Cafeteria. Nach 30 Minuten bin ich wieder zurück.
Danach gehen meine Kollegen in die Pause – denn es müssen immer Pflegekräfte auf Station bleiben.
11. Essen: Hauswirtschaft hilft, aber Pflege bleibt verantwortlich
Wir haben auf unserer Station Glück:
Das Essen wird von einer Hauswirtschaftskraft eingesammelt und verteilt.
Sie kümmert sich darum, dass das Essen kommt, dass Tabletts verteilt werden und dass wieder abgeräumt wird.
Aber Essen anreichen, also Patient*innen füttern, ist Aufgabe der Pflege.
Zum Beispiel, wenn jemand Schluckstörungen hat.
12. Nach der Pause: Ich arbeite die Visite ab
Nach der Pause arbeite ich die Anordnungen aus der Visite ab.
Das kann heißen:
-
neue Medikamente geben
-
alte Medikamente absetzen
-
Verbände wechseln
-
Infusionen vorbereiten
-
Antibiotika anhängen
-
Schmerzmedikation anpassen
Wenn Medikamente geändert werden, muss ich sehr genau prüfen, ob schon Tabletten gestellt wurden und ob ich etwas austauschen muss.
13. Untersuchungen: Patient*innen bringen oder abholen
Im Laufe des Tages kann es immer wieder passieren, dass Patient*innen Untersuchungen haben, die nicht auf der Station stattfinden.
Zum Beispiel:
-
EKG
-
EEG
-
Röntgen
-
CT
Dann bringe ich Patient*innen hin oder hole sie ab.
Manchmal gibt es auch einen Hol- und Bringdienst, zum Beispiel Pflegekräfte oder Personen im Freiwilligendienst, die Patient*innen im Rollstuhl fahren.
Das ist sehr hilfreich – weil es den Tag deutlich entlastet.
14. Dokumentation: Ein großer Teil des Tages
Dokumentation gehört in Deutschland fest dazu.
Ich dokumentiere meistens:
-
morgens nach der ersten Runde
-
nach der Visite
-
nach Medikamentengaben
-
nach Verbandswechseln
-
nach Grundpflege
-
nach besonderen Ereignissen
Kurz vor Dienstende kontrolliere ich nochmal, ob ich alles eingetragen habe.
15. 13:00 Uhr: Übergabe an den Spätdienst
Gegen 13:00 Uhr beginnt die Übergabe an den Spätdienst.
Der Spätdienst kommt, setzt sich hin, nimmt sich die Übergabezettel – manchmal gibt es auch dort erstmal Kaffee oder Tee.
Dann übergebe ich meine Patient*innen:
-
was ist heute passiert
-
was ist wichtig
-
was muss am Nachmittag passieren
-
was ist neu oder kritisch
Bei neuen Patientinnen erkläre ich mehr.
Bei bekannten Patientinnen nenne ich die wichtigsten Punkte.
16. Feierabend: 13:30 bis 14:00 Uhr
Wenn die Übergabe fertig ist, ist mein Frühdienst vorbei.
Meistens ist das zwischen 13:30 und 14:00 Uhr.
Dann gehe ich nach Hause.
Und ja: Auch wenn es stressig ist – ich kann ehrlich sagen, dass ich viele Tage als schön empfinde.
Weil ich merke, dass meine Arbeit wirklich etwas bringt.
Fazit: So fühlt sich Pflege in Deutschland wirklich an
Wenn du mich fragst, was man aus meinem Arbeitstag mitnehmen kann, dann sind es drei Dinge:
1. Pflege in Deutschland ist strukturiert
Übergabe, Medikamente, Dokumentation – alles hat klare Abläufe.
2. Pflege ist intensiv
Mit 10–15 Patient*innen pro Pflegekraft ist der Tag oft voll.
3. Pflege bedeutet Verantwortung
Man beobachtet, entscheidet mit, kommuniziert und dokumentiert.
Warum ich das als Integrationslotse bei people2help erzähle
Ich arbeite nicht nur als Krankenpfleger, sondern auch als Integrationslotse bei people2help.
Ich unterstütze internationale Pflegekräfte dabei, in Deutschland gut anzukommen.
Denn viele Herausforderungen beginnen nicht erst im Krankenhaus, sondern im Alltag:
-
erste Behördengänge
-
Kommunikation im Team
-
deutsche Arbeitskultur
-
Wohnung, Konto, Versicherungen
Und genau dafür sind wir da: Schritt für Schritt.
Gregor Werner
Integrationslotse & Coach bei people2help
Pflegefachmann


















