11.000 Pflegekräfte arbeiten in Deutschland. Aber nicht als Pflegekräfte.

Stellen Sie sich folgende Situation vor:

Eine Pflegekraft hat in ihrem Heimatland eine mehrjährige Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen. Sie arbeitet bereits in Deutschland. Sie kennt die Einrichtung, die Bewohnerinnen und Bewohner, die Abläufe auf der Station. Jeden Morgen zieht sie Dienstkleidung an und beginnt ihre Schicht.

Und trotzdem darf sie nicht als Pflegefachkraft arbeiten.

Nicht, weil ihr die Qualifikation fehlt. Nicht, weil sie keinen Arbeitsplatz hat. Nicht, weil sie noch im Ausland lebt.

Sondern weil sie auf einen Bescheid wartet.

Nach Berechnungen des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) betrifft genau das aktuell rund 11.000 Pflegekräfte in Deutschland. Die Zahl wurde im Rahmen einer Abfrage bei Mitgliedseinrichtungen erhoben und im Oktober 2025 gemeinsam mit weiteren Verbänden veröffentlicht.

11.000 Menschen, die bereits Teil der Versorgung sind. 11.000 Menschen, die jeden Tag in deutschen Einrichtungen arbeiten. 11.000 Menschen, die auf den Abschluss ihres Anerkennungsverfahrens warten.

 

Was hinter der Zahl steckt

 

Wenn über internationale Pflegekräfte gesprochen wird, denken viele zunächst an Visa, Einreise oder Sprachkurse. Darum geht es hier nicht.

Die 11.000 Pflegekräfte sind bereits in Deutschland.

Sie arbeiten bereits in Pflegeeinrichtungen.

Sie haben bereits eine Ausbildung oder ein Studium absolviert.

Was noch fehlt, ist der endgültige Anerkennungsbescheid.

In vielen Fällen wurde die Qualifikation bereits geprüft. Die zuständige Stelle hat festgestellt, dass bestimmte Unterschiede zur deutschen Pflegeausbildung ausgeglichen werden müssen. Danach folgt eine sogenannte Anpassungsmaßnahme oder alternativ eine Kenntnisprüfung.

Bis diese abgeschlossen ist, dürfen die Betroffenen häufig nicht als voll anerkannte Pflegefachkräfte eingesetzt werden.

Die Folge: Menschen mit einer pflegerischen Ausbildung arbeiten oft über Monate hinweg in Funktionen, die unter ihrer eigentlichen Qualifikation liegen.

 

Wie sich das im Alltag anfühlt  

 

Nehmen wir eine Pflegekraft aus Indien als Beispiel.

Sie hat dort einen Bachelor of Science in Nursing abgeschlossen. Sie hat mehrere Jahre Berufserfahrung gesammelt. Vielleicht hat sie bereits auf einer Intensivstation gearbeitet oder Verantwortung für komplexe Pflegesituationen übernommen.

In Deutschland arbeitet sie nun in einer Pflegeeinrichtung.

Sie unterstützt bei der Grundpflege.

Sie begleitet Bewohnerinnen und Bewohner im Alltag.

Sie misst Vitalwerte.

Sie hilft beim Essen und bei der Mobilisation.

Was sie häufig noch nicht darf, sind bestimmte Tätigkeiten, die einer anerkannten Pflegefachkraft vorbehalten sind.

Nicht weil ihr das Wissen fehlt.

Nicht weil die Einrichtung ihr nicht vertraut.

Sondern weil das Verfahren noch nicht abgeschlossen ist.

Für die betroffene Person ist das oft schwer nachvollziehbar. Sie arbeitet. Sie lernt. Sie integriert sich. Und trotzdem wartet sie.

 

Wie lange wird gewartet?

 

Genau diese Frage beschäftigt seit Jahren Einrichtungen, Verbände und Politik.

Am 1. Oktober 2025 veröffentlichten der Verband der Ersatzkassen (vdek), der bpa, der Deutsche Pflegerat (DPR), die Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) sowie der Verband katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD) eine gemeinsame Stellungnahme.

Darin heißt es:

„Aktuell dauern Anerkennungsverfahren bis zu einem Jahr.”

Andere Fachveröffentlichungen berichten von Einzelfällen mit einer Gesamtdauer von bis zu 18 Monaten.

Natürlich verlaufen nicht alle Verfahren gleich. Manche werden schneller abgeschlossen. Andere benötigen deutlich mehr Zeit.

Entscheidend ist jedoch: Die Verbände sprechen nicht über theoretische Ausnahmefälle. Sie beschreiben eine Situation, die Einrichtungen bundesweit seit Jahren erleben.

 

Fünf Verbände. Eine Forderung.

 

Bemerkenswert ist vor allem, wer diese Kritik äußert.

Der Verband der Ersatzkassen.

Der bpa.

Der Deutsche Pflegerat.

DEVAP.

VKAD.

Diese Organisationen vertreten unterschiedliche Teile des Gesundheits- und Pflegesystems.

Dass sie sich öffentlich auf eine gemeinsame Forderung verständigen, passiert nicht jeden Tag.

Die Forderung heißt: Kompetenzvermutung.

Der Begriff klingt zunächst technisch. Die Idee dahinter ist jedoch einfach.

Eine Pflegekraft mit mindestens dreijähriger Ausbildung oder Studium und ausreichenden Sprachkenntnissen soll zunächst als Pflegefachkraft arbeiten dürfen.

Die weiteren Prüfungen und formalen Schritte würden anschließend parallel weiterlaufen.

Oder anders formuliert:

Die Fachkraft arbeitet als Fachkraft.

Der Bescheid folgt nach.

Heute ist die Reihenfolge meist umgekehrt.

Heute wartet die Fachkraft auf den Bescheid.

Und arbeitet bis dahin häufig unter ihrer eigentlichen Qualifikation.

 

Warum die Branche darüber diskutiert  

 

Die Diskussion dreht sich nicht nur um Bürokratie.

Sie dreht sich um Versorgung.

Deutschland sucht seit Jahren nach Pflegefachkräften. Gleichzeitig arbeiten bereits tausende qualifizierte Menschen in den Einrichtungen, ohne vollständig als Fachkräfte eingesetzt werden zu können.

Genau auf diesen Widerspruch weisen die Verbände hin.

Die Frage lautet nicht, ob diese Menschen irgendwann gebraucht werden.

Sie werden bereits heute gebraucht.

Die Frage lautet vielmehr, wie der Weg von der Beschäftigung zur vollständigen Anerkennung organisiert wird.

 

Was das für Einrichtungen bedeutet  

 

Für Einrichtungen ist diese Situation längst Teil der täglichen Realität.

Eine internationale Pflegekraft einzustellen bedeutet heute mehr als einen Arbeitsvertrag abzuschließen.

Es bedeutet auch, Anerkennungsverfahren einzuplanen.

Anpassungsmaßnahmen zu organisieren.

Praxisanleitung sicherzustellen.

Und realistische Erwartungen zu haben.

Wer davon ausgeht, dass eine Pflegekraft unmittelbar nach Arbeitsbeginn als voll anerkannte Fachkraft eingesetzt werden kann, wird in vielen Fällen enttäuscht.

Wer die Verfahrensdauer dagegen von Anfang an mitdenkt, kann deutlich besser planen.

Nicht jede Verzögerung lässt sich verhindern.

Aber viele Herausforderungen lassen sich besser auffangen, wenn sie als Teil des Systems verstanden werden und nicht als individuelles Problem einer einzelnen Pflegekraft.

 

Was das für die Pflegekräfte bedeutet  

 

Für die Betroffenen selbst ist die Situation oft ambivalent.

Auf der einen Seite haben sie den wichtigen Schritt nach Deutschland bereits geschafft.

Sie arbeiten.

Sie sammeln Erfahrungen.

Sie lernen die Sprache jeden Tag weiter.

Auf der anderen Seite befindet sich ihre berufliche Entwicklung gewissermaßen in einer Warteschleife.

Viele möchten Verantwortung übernehmen.

Viele möchten ihre Qualifikation vollständig einbringen.

Viele möchten einfach das tun, wofür sie ausgebildet wurden.

Genau deshalb wird die Debatte um die Anerkennung in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.

 

Eine letzte Beobachtung  

 

Die Zahl 11.000 klingt zunächst wie eine Statistik.

Tatsächlich beschreibt sie Menschen.

Menschen, die morgens zur Arbeit gehen.

Menschen, die bereits Teil unserer Versorgung sind.

Menschen, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben und ihren Beruf ausüben wollen.

Deshalb ist die Diskussion über Anerkennungsverfahren keine Spezialfrage für Behörden oder Verbände.

Sie betrifft die tägliche Realität in deutschen Pflegeeinrichtungen.

Und sie wirft eine einfache Frage auf:

Wenn qualifizierte Pflegekräfte bereits hier sind und bereits arbeiten, wie lange sollten sie noch darauf warten müssen, als das eingesetzt zu werden, was sie längst sind?

 


 

Das Projekt der people2help gGmbH wird aus Mitteln der Europäischen Union im Rahmen des Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) kofinanziert.

 

 

 

Bild von Thorsten Pritz

Thorsten Pritz

Experte für Integration internationaler Fachkräfte
Mentoring & Ressources

 

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Wir helfen indischen Pflegekräften, Deutsch zu lernen, in Deutschland anzukommen und ihren Traumberuf mit Kompetenz und Herz auszuüben.

Ob Sprachkurs, Anerkennung oder Orientierung im Alltag – wir begleiten dich persönlich und zuverlässig auf jedem Schritt deines Weges.

 

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